Sacherschließung · Wissenschaftliche Dokumentation · Technische Dokumentation.
Drei Disziplinen, die getrennt geprobt haben und jetzt zusammen spielen müssen — weil die Maschine sonst schräg singt.
Eine Frage an ein KI-System, das auf einem Bibliotheksbestand aufsetzt. Drei Spuren liefern die Substanz. Schalte sie einzeln ab und schau, was von der Antwort übrig bleibt.
Blind für: alles, was tiefer liegt als der Titel. Zwei pauschale Schlagwörter pro Buch sind ein Metronom, keine Musik.
Blind für: Standardisierung. Wer frei indexiert und nie an ein Vokabular andockt, baut lauter schöne Einzelstücke, die nichts miteinander verbindet.
Blind für: Bedeutung. Perfekt versionierte Chunks ohne inhaltliche Erschließung sind sauber sortierter Nebel.
Solange Erschließung nur den Katalog bedienen musste, konnten die drei getrennt bleiben: die einen vergaben Schlagwörter, die anderen schrieben Referate, die dritten pflegten Redaktionssysteme. Ein generatives System braucht alle drei gleichzeitig — und zwar am selben Textstück.
Retrieval-gestützte Antworten stehen und fallen mit drei Dingen: Womit finde ich den Baustein? (Vokabular) — Was steht wirklich drin, und wie fest? (Verdichtung und Beleggrad) — Wo genau hört ein Baustein auf, und welche Fassung ist das? (Struktur und Version). Fehlt eine Schicht, wird die Lücke von der Maschine mit Plausibilität aufgefüllt. Das nennen wir dann Halluzination, obwohl es ein Erschließungsproblem ist.
Vier kurze Stücke. Keine Anmeldung, keine Auswertung, die irgendwo landet. Falsch liegen ist Teil der Probe.
Ordne jede Aufgabe der Disziplin zu, die sie klassischerweise beherrscht. Vorsicht: bei manchen ist die richtige Antwort „alle drei“ — und genau das ist der Punkt.
Drei Runden. Jeweils zwei Suchwege, ein Bestand. Klick den, der den Treffer bringt — und lies, warum der andere ins Leere läuft.
Ein Absatz aus einem Aufsatz, in Sätze zerschnitten. Bestimme für jeden Satz, was er ist: Befund (belegte Tatsachenaussage), Deutung (Interpretation der Autorin) oder Wertung (Meinung, Empfehlung). Genau diese Unterscheidung fehlt einem Modell, wenn sie nicht dokumentiert ist.
Eine KI beantwortet eine Anfrage an der Auskunft. Sechs Aussagen. Markiere die, denen du ohne Prüfung nicht trauen würdest — und schau danach, woran man es hätte sehen können.
Ohne Bass
kein Druck.
Ohne Melodie
kein Stück.
Ohne Rhythmus
kein Fund.
Die drei Disziplinen haben dasselbe Handwerk aus verschiedenen Richtungen erfunden: Inhalt so aufbereiten, dass jemand anderes ihn später wiederfindet und ihm trauen kann. Dieser „jemand anderes“ ist jetzt zusätzlich eine Maschine. Das ändert nichts am Handwerk — es erhöht nur den Preis dafür, es zu lassen.
Die Sacherschließung ist tot. Lang lebe die inhaltliche Erschließung.
Die drei Akkorde sind kein Selbstzweck. Sie sind das Handwerk hinter einer Rolle, die Bibliotheken gerade neu ausfüllen müssen: nicht „Dritter Ort“ mit Sofa und Kaffee, sondern epistemische Orientierungsinfrastruktur — die Stelle, an der Menschen lernen, sich in einem Informationsraum zurechtzufinden, den ihnen sonst ein Modell vorsortiert.
Informationstherapie heißt: nicht Treffer ausgeben, sondern Orientierung geben. Wer das ernst meint, kommt an den drei Spuren nicht vorbei. Man kann niemanden durch einen Bestand führen, der zu vier Fünfteln unerschlossen ist — und man kann keine Belege zeigen, die nie dokumentiert wurden. Die Beratung an der Theke ist nur so gut wie die Erschließung dahinter.
Werkzeuge, Konzept und Debatte: informationstherapie.eu · Fachaustausch in der LinkedIn-Gruppe „Netzwerk Informationstherapie“.