Comic-Werkstätten für bibliothekarische Wissensarbeit
Nichtlauter.Glatter.

Politische Kommunikation wird automatisiert. Systeme sortieren Themen vor, bügeln Tonlagen glatt, rechnen Reichweite mit und liefern die Grafik gleich dazu. Das Problem ist längst nicht mehr die laute Parole. Das Problem ist der höfliche Satz, der dieselbe Grenze zieht.

Comic-Werkstätten sind die Gegenbewegung: ein Verfahren, das sichtbar macht, was Sprache, Bild, Kontext und Informationsarchitektur anrichten — und wer davon profitiert, wenn etwas glatt wird.

Worum es im Kern geht Bibliotheksarbeit wird hier nicht erklärt, sondern gezeigt: als Kontextarbeit, als Quellenkritik, als Deutung von Sprache und Bildern — und als Schutz vor automatisierter Vereinfachung.
Die Leitidee Nicht jede geglättete Sprache ist harmlos. Manchmal wurde nur der Hass gebügelt.
01
Einstieg · automatisierte politische Kommunikation

Wenn Propaganda nicht lauter wird, sondern glatter

Der Ausgangspunkt ist nicht, dass KI in der Politik vorkommt. Der Ausgangspunkt ist ihre Funktion: Sie wählt Nachrichten aus, strukturiert Deutungen vor, macht Sprache anschlussfähig und wirft Kampagnenmaterial im Minutentakt aus.

Nicht nur offene Radikalität ist das Problem. Die geglättete Oberfläche zieht dieselbe Grenze — nur höflicher, sachlicher und damit teilbarer.

Automatisierung Politische Botschaften entstehen als Ablauf: Eingabe, Optimierung, Ausgabe, Veröffentlichung.
Framing Aus Rohmaterial werden Begriffe, Tonlagen und Anschlussfähigkeit hergestellt.
Kontext Die Frage lautet nicht nur: Was steht da? Sondern: Was wurde unsichtbar gemacht?

Anlass ist die CORRECTIV-Recherche „Die Propaganda-KI der AfD“. Sie beschreibt ein AfD-nahes KI-Werkzeug zur Erstellung politischer Posts, Parolen und Grafiken.

Warum dieser Einstieg?

Die Comic-Werkstätten sind kein Kreativformat mit Bibliotheksanstrich. Sie sind ein Verfahren, um Informationsmacht sichtbar zu machen: Auswahl, Sprache, Bild, Kontext, Reichweite — und Auslassung.

Die bibliothekarische Frage

Wer an Suchräumen, Quellenkritik und Erschließung arbeitet, fragt zwangsläufig: Welche Begriffe werden angeboten, welche verschwinden — und wer profitiert von der Glättung?

„Message Finisher 3.0“ Dieselbe Stoßrichtung, nur sachlicher formuliert — und damit normalisiert.

Der Regenbogen ist auf diesen Seiten kein Dekor, sondern ein Zeichen: Offenheit, Pluralität und die Eigenlogik des Comics — klare Fläche, starke Kontur, sichtbarer Widerspruch.

Der Glättungs-Detektor

Übung · fünf Sätze · offline

Fünf Sätze, wie sie in geglätteter politischer Kommunikation vorkommen. Keiner davon schreit. Deine Aufgabe: Welche Handgriffe wurden angewandt? Mehrfachauswahl, dann prüfen.

02
Der Ausgangspunkt

Es begann nicht mit einem Format, sondern mit einer Frage

Wie lässt sich bibliothekarische Wissensarbeit so erzählen, dass sie anschaulich, wiedererkennbar und strategisch nutzbar wird?

Die Comics sind keine Illustrationen. Sie sind ein Übersetzungsmedium für Recherchekompetenz, Informationsethik, KI-Kritik, Suchräume, Inhaltserschließung und Orientierung.
1
Stiltest

Frühe Bildsuche

Visuelle Experimente: klare Linie, serielle Panels, Figuren mit Wiedererkennungswert, erste bibliothekarische Motive.

2
Öffentlichkeit

Posts und Resonanz

LinkedIn zeigt: Comics funktionieren nicht nur intern, sondern auch als öffentliche, pointierte Form.

3
Differenz

Aus einem Format werden drei

Die Logik differenziert sich aus: essayistisch-satirisch, minimalistisch-didaktisch, heroisch-strategisch.

4
Werkstatt

Die Methode wird steuerbar

Erst jetzt entsteht das System: Thema eingeben, Drehbuch erzeugen, „Malen“ auslösen, nachbearbeiten, veröffentlichen.

03
Die Entwicklung als Erzählung

Fünf Phasen, keine drei Schubladen

Die Werkstätten werden verständlicher, wenn man sie als Entwicklungslinie liest — nicht als isolierte Formate. Alle Bilder lassen sich anklicken.

Phase 1 · vor der Werkstatt

Frühe Comic-Experimente

Am Anfang stand keine Werkstatt, sondern eine Suchbewegung: klare Linie, serielle Panels, bibliothekarische Themen, der Versuch, Denkfiguren visuell zu erzählen. Ligne-Claire-nahe Experimente als Vorform.

Phase 2 · öffentliche Erprobung

Comic-Posts auf LinkedIn

Der Comic wird vom ästhetischen Experiment zum Kommunikationsformat. Thesen, Pointen und Rollenbilder funktionieren auch in Social Media.

Phase 3a · Ausdifferenzierung I

Die Sortierer*innen

Hier entsteht erstmals eine eigene Werkstattlogik: wiederkehrende Figuren, epistemische Fragen, dokumentarischer Ton und satirische Reflexion über Suche, Ordnung, KI und Wissensmacht.

Phase 3b · Ausdifferenzierung II

Strichmännchen-Werkstatt

Parallel entsteht die radikal reduzierte, schnelle, didaktisch robuste Linie. Sie taugt überall dort, wo eine Pointe, ein Denkfehler oder ein Vermittlungskern extrem klar gezeigt werden soll.

Phase 3c · Ausdifferenzierung III

Captain Retrieval

Die heroische Werkstatt. Sie macht Suchkompetenz, Informationstherapie, Retrieval und Orientierung als starke, wiedererkennbare Erzählung sichtbar.

04
Das Werkstatt-System heute

Drei Werkstätten, drei Aufgaben

Jede Werkstatt erfüllt eine andere Funktion und hat eigenen Stil, Ton und Einsatzbereich. Die Wahl ist keine Geschmacksfrage, sondern eine Zweckfrage.

Die Sortierer*innen

Die essayistisch-satirische Werkstatt über Bibliothek, Macht, Sprache, KI und Wissensordnung.

  • Ligne-Claire-nahe Bildsprache
  • wiederkehrende Figuren und Weltlogik
  • stark bei Reflexion, Positionierung, Wissensethik
Fragekern: Wer sortiert eigentlich die Welt?
Strichmännchen

Die minimalistische Werkstatt für sehr klare Vermittlung, trockene Pointen und robuste Kurzcomics.

  • reduziert, schnell, klar lesbar
  • für Schulungen, Folien, interne Kommunikation
  • stark bei Denkfehlern und Strukturproblemen
Motto: Weniger Stilmittel, mehr Klarheit.
Captain Retrieval

Die heroische Werkstatt für Strategie, Sichtbarkeit und informationstherapeutische Bibliothekskommunikation.

  • realistischer Graphic-Novel-Stil
  • starke Markenfigur mit Wiedererkennungswert
  • ideal für Suchräume, KI, Recherche, Orientierung
Claim: Nicht mehr Treffer. Bessere Suchräume.
Captain Retrieval erzeugt Sichtbarkeit. Die Strichmännchen erzeugen Verständlichkeit. Die Sortierer*innen erzeugen Reflexion.

Werkstatt-Wahl

Übung · drei Entscheidungen · erzeugt einen Auftrag

Drei Fragen, dann steht die Werkstatt — und der Auftragstext, den du direkt in die Werkstatt kippen kannst.

Was soll passieren?
Wo landet es?
Welcher Ton trägt?
05
Das Vorgehen in der Werkstatt

Erst die Idee. Dann das Drehbuch. Dann erst das Bild.

Die Comic-Produktion ist ein kontrollierbarer Prozess. Wer sofort malen lässt, bekommt Dekoration. Wer zuerst das Drehbuch schreibt, bekommt ein Argument.

1

Thema festlegen

Ein bibliothekarisches Thema, Problem oder Motiv: Suchraum, Stiftsbibliothek, KI, Informationskompetenz, Inhaltserschließung.

2

Werkstatt wählen

Essayistisch-satirisch, minimalistisch oder heroisch-strategisch — je nach Zweck, nicht nach Laune.

3

Drehbuch entwickeln

Die Werkstatt erzeugt Titel, Kurzthese, Panels, Dialoge, Bildidee und Pointe.

4

„Malen“ und nachbearbeiten

Erst der Befehl „Malen“ löst die visuelle Umsetzung aus. Danach Layout, Texte und Veröffentlichungskontext schärfen.

Gemeinsame Befehlslogik
Thema eingeben  = Drehbuch erstellen.
„Malen“         = das zuletzt erstellte Drehbuch visuell umsetzen.
„Nur Prompt“    = nur den Bildgenerierungs-Prompt ausgeben.
„Kürzer“        = Panels und Dialoge verdichten.
„Mehr Pointe“   = Schlussbild und Dialog schärfen.
„Für LinkedIn“  = Begleittext ergänzen.
„Für Schulung“  = didaktische Erklärung ergänzen.
06
Prüfliste

Woran man eine gute Werkstatt-Seite erkennt

Die Seite soll nicht Material sammeln, sondern die Logik sichtbar machen: Woher kommt die Idee? Wie differenziert sie sich aus? Und wie wird daraus eine Methode?

Erzählerisch

  • Die Seite folgt einer klaren Chronologie.
  • Frühe Experimente sind als Vorstufe kenntlich.
  • Die LinkedIn-Beispiele erscheinen als öffentliche Erprobung.
  • Die drei Werkstätten sind Ergebnis einer Entwicklung, keine Aufzählung.

Formal

  • Comic-Look ohne Unlesbarkeit: starke Konturen, klare Kästen, papierhafte Flächen.
  • Bilder sind direkt sichtbar und per Klick vergrößerbar.
  • Die Bedienlogik der Werkstätten bleibt transparent.
  • Die strategische Pointe bleibt an jeder Stelle verständlich.
Erst das Experiment. Dann die Öffentlichkeit. Dann die Ausdifferenzierung. Und erst daraus entsteht die Werkstatt.
07
Aktueller Anwendungsfall

„Der gezeichnete Diskurs“

Ein Impuls von außen zeigt, wie aus einer Themenvorgabe innerhalb kurzer Zeit eine neue Werkstatt entsteht.

Seminarimpuls → Werkstatt

Vom Screenshot zur produktiven Comic-Werkstatt

Ein Screenshot eines Seminarthemas mit dem Titel „Der gezeichnete Diskurs“. Im Zentrum die Frage, wie komplexe wissenschaftliche und gesellschaftliche Inhalte so aufbereitet werden können, dass sie nicht nur verstanden, sondern auch gefühlt werden.

Der Impuls wurde unmittelbar in eine neue Comic-Werkstatt übersetzt. Aus der Seminarbeschreibung wurde kein Moodboard, sondern eine steuerbare Produktionslogik: Thema wählen, Spannungsachse bestimmen, in ein prägnantes Zwei-Seiten-Format übersetzen, visuelle Metaphern setzen, Beispiele entwickeln.

Die Ausschreibung nennt Liv Strömquist, Dan Perjovschi und David Shrigley als Referenzen. Die daraus gebaute Werkstatt verbindet diese Richtung mit der eigenen Praxis: argumentativ, pointiert, erzählerisch, thematisch offen.

  • Auslöser: Seminarimpuls „Der gezeichnete Diskurs“
  • Transfer: aus einem Thema wird eine Methode
  • Format: eigenständige Comics auf zwei DIN-A4-Seiten
  • Ergebnis: eine Reihe sofort einsetzbarer Beispielarbeiten
Seminarimpuls Der Screenshot wurde zum Auslöser einer neuen Werkstatt.
Die Werkstätten reagieren nicht nur auf eigene Ideen. Sie überführen fremde Diskursimpulse in ein methodisch klares, wiederholbares und öffentlich anschlussfähiges Format.
Beispiele aus der daraus entwickelten Werkstatt

Sechs Proben aufs Exempel

Ideologiekritik, Verschwörungsdenken, Medienbilder, Erkenntniskrisen, politische Sprache — und sogar Fußball lassen sich in eine prägnante, diskursfähige Comic-Form übersetzen.

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